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Freier Wille, Willensfreiheit

Willensfreiheit vs. Determinismus

Die Vorstellung, dass wir über freien Willen verfügen, ist mit dem materialistischen Weltbild unvereinbar. Denn im Materialismus steuern die materiellen Prozesse im Gehirn unsere Gedanken. Ist das wirklich so? Steuert unser Gehirn unsere Gedanken oder steuern unsere Gedanken die Hirntätigkeit? Seit Jahrtausenden ist das eine Streitfrage unter den Philosophen. 

Eine Waschmaschine, die im Schleudergang ihren Weg durchs Treppenhaus sucht, verfolgt dabei keine Absicht.
-unbekannter Autor

 

Die Geisteswissenschaft argumentiert, dass die mathematischen Theorien, mit welchen wir unsere Welt beschreiben, Konstrukte unseres Geistes sind. Die Naturwissenschaft argumentiert, dass die Realität, welche mit diesen Theorien beschrieben wird, nicht von unserem Geist konstruiert ist und unabhängig von uns existiert.

Wie wir jedoch bereits dargelegt haben, ist die Realität sehr wohl ein Konstrukt unseres Geistes. Das Erleben der Realität ist eine ausschließlich innere Angelegenheit. Unser Gehirn erzeugt die Realität auf Basis der Informationen, die es über die Sinne erhält.

„Information“ könnte eine Brücke zwischen Geistes- und Naturwissenschaft sein, weil Information sowohl in der Geistes- als auch in der Naturwissenschaft eine fundamentale Rolle spielt. 
Damit eine Annäherung beider Wissenschaften überhaupt möglich ist, müssen beide Seiten zunächst den Versuch unternehmen, den jeweils anderen zu verstehen.
Da wir den Versuch unternehmen wollen, eine Brücke zwischen Geisteswissenschaft und Naturwissenschaft zu schlagen, müssen wir auch Begriffe wie Geist und Bewusstsein verwenden. 

Es soll dabei nicht der Anschein erweckt werden, dass diese Website unwissenschaftlich sei, nur weil diese Begriffe auch in der Geisteswissenschaft und in den Religionen verwendet werden.

 

Erzeugt unser Gehirn das Bewusstsein?

Hat ein Lichtschalter Bewusstsein? Hat die Vernetzung von 10 Lichtschaltern Bewusstsein? Haben 1.000 Lichtschalter Bewusstsein? Warum sollten dann 10 Milliarden Lichtschalter Bewusstsein haben?
Vor ein paar Jahrzehnten gab es noch keine Computer. Aber in unserer heutigen Zeit wird die Arbeitsweise unseres Gehirns gerne mit einem Computer verglichen. Der Vergleich mit den Lichtschaltern ist gar nicht mal so verkehrt. In der Tat sind die Transistoren in einem Mikrochip nichts anderes als miteinander vernetzte Schalter, die entweder eine „ja“ oder eine „nein“ Stellung erlauben. 
Computer führen heute Arbeiten aus, welche von vielen als „geistige Tätigkeit“ eingestuft werden. Beispielsweise das Sortieren von Daten oder das Verarbeiten von Informationen. Ziel der Computerindustrie ist es, eine künstliche Intelligenz (KI) zu erschaffen. Jedoch sollte klar sein, dass man Intelligenz allenfalls simulieren kann. Ein Computer wird immer nur das tun, was ein Programmierer von ihm erwartet. Erfüllt ein Computer nicht die Erwartung, gilt er als fehlerhaft und wird vom Erbauer umprogrammiert.

Dennoch wird von einer breiten Masse angenommen, dass ein Computer im Prinzip auch ein Bewusstsein entwickeln kann. Diese Annahme beruht darauf, dass man auch das Gehirn als eine Vernetzung von „Schaltern“ betrachten kann. Die Neuronen, die zu einem gigantischem Netzwerk verbunden sind, funktionieren im Prinzip auch wie Schalter, die entweder feuern oder nicht. Im Prinzip funktioniert unser Gehirn wie ein Prozessor. Es verarbeitet Informationen, die es in Form von elektrischen Signalen über die Sinnesorgane erhält. 
Eine moderne Waschmaschine kann heutzutage über einen Sensor den Verschmutzungsgrad des Wassers feststellen. Sie verschafft sich also über Sensoren, die wie Sinnesorgane funktionieren, Information über den Zustand des Wassers und trifft dann eine Entscheidung, ob das Wasser ausgetauscht werden muss oder nicht. 
Ein Fotoapparat kann sich Informationen über die Lichtverhältnisse verschaffen und dann die Entscheidung treffen, welche Belichtungszeit zu wählen ist. Gerne sprechen wir heute über „intelligente Geräte“. Aber können wir behaupten, dass eine Waschmaschine oder ein Fotoapparat Bewusstsein hat? Erlebt die Maschine die Entscheidung, die sie trifft? Schließlich handelt es sich bei der "Entscheidung", die ein Prozessor trifft, nur um eine Antwort auf eine sogenannte "Wenn - Dann - Frage". Wenn das Wasser verschmutzt ist, dann tausche es. Die Waschmaschine hat gar keine andere Wahl. Sie hat keinen freien Willen. Wenn sie tun würde, was sie will, dann würden wir wohl den Kundendienst rufen. Ein Computer kann niemals über seine Entscheidungen nachdenken und sie bewusst erleben

Wir dürfen nicht den Fehler machen, Begriffe wie "Intelligenz" und "Bewusstsein" miteinander zu vermischen oder gar zu verwechseln!

Das Gehirn ist definitiv als Objekt der klassischen Physik zu betrachten. Und wie bereits dargelegt wurde, gibt es in der klassischen Physik keinen objektiven Zufall. Die Vorgänge im Gehirn können also nur deterministisch sein, genauso wie die Vorgänge in einem Prozessor festgelegt sind. Nach Ansicht der meisten Wissenschaftler kann „Willensfreiheit“ nur eine Illusion sein. Denn unsere Gedanken werden vom Gehirn erzeugt, das wiederum den Gesetzen der klassischen Physik gehorcht.

Das Libet-Experiment scheint diese Sichtweise zu untermauern. Benjamin Libet war ein US-amerikanischer Physiologe. Er glaubte an die Willensfreiheit des Menschen und wollte mit seinem Experiment genau diese Willensfreiheit beweisen. Nach Ansicht einer breiten Mehrheit gelang ihm das aber nicht. 
Beim Libet-Experiment war der Proband an ein Gerät angeschlossen, das seine Hirnströme aufzeichnete. Der Proband hatte die Aufgabe, spontan einen Knopf zu drücken, den er in seiner Hand hielt. Gleichzeitig sollte er sich mit einer Stoppuhr den Zeitpunkt merken, wann er den Entschluss fasste, den Knopf zu drücken. 
Das Experiment zeigte, dass das Gerät bereits Hirnströme aufzeichnete, bevor der Proband den Entschluss fasste, den Knopf zu drücken:

Libetexperiment Willensfreiheit

 

Wenn also unser Gehirn, 0,5 Sekunden bevor wir einen Entschluss fassen, aktiv wird, dann lässt dies die Schlussfolgerung zu, dass unsere Gedanken von unserem Gehirn erzeugt werden.

Diejenigen, die behaupten, das Libet-Experiment würde beweisen, der Mensch hätte keinen freien Willen, übersehen eine ganz entscheidende Tatsache: Die zweiten 0,5 Sekunden vom Entschluss zur Ausführung! Hier hatte der Proband die Zeit, es sich nochmal anders zu überlegen!
Dieses Experiment bestätigt genau unsere Alltagserfahrung. Uns kommt ein Gedanke oder plötzlich haben wir eine Idee. Die Gedanken und Ideen kommen und gehen – wir haben darauf scheinbar keinen Einfluss. Haben Sie mal probiert, an nichts zu denken? Ohne Zweifel erzeugt unser Gehirn unsere Gedanken – und das pausenlos. Es nimmt Informationen auf, vergleicht diese mit bereits vorhandener Information, verarbeitet diese und erzeugt dann einen Gedanken. Das Entstehen unserer Ideen kann man der klassischen Physik zuschreiben. Denn eine Idee ist ein Faktum und zeitlich lokal. Mit ihrer Erzeugung gehört sie auch schon wieder der Vergangenheit an. 

Aber dann ist da noch etwas. Das, was über die Idee nachdenkt. Das, was in den zweiten 0,5 Sekunden zum Einsatz kommt. Es ist das, was wir als unser „Ich“ oder „Ego“ bezeichnen. Es ist das, was darüber nachdenkt, ob es gut oder schlecht ist, eine Idee in die Tat umzusetzen. Tu ich es? Oder lass ich es lieber sein?

Es ist das, was die Überlagerung von Möglichkeiten abwägen kann, bevor es ein Faktum schafft. Den Vorgang des Nachdenkens über unsere Gedanken nennt man in der Geisteswissenschaft „Selbstreflektion“. Und erst diese Selbstreflektion ermöglicht die Bildung eines "Ichs" - eben unser Selbstbewusstsein.

Die Fähigkeit, die Welt und sich selbst zu erleben, wird als phänomenales Bewusstsein oder Qualia bezeichnet. Und diese Fähigkeit ist das große Rätsel der Naturwissenschaft. Es ist diese Selbstreflektion, die es uns ermöglicht, über unsere Gedanken nachdenken zu können. Das Selbstbewusstsein ermöglicht uns "freien Willen". 

Wenn wir schlafen
Im Schlaf sind wir nicht bei Bewusstsein. Das Gehirn erzeugt dennoch unsere Träume, über die wir jedoch erst, wenn wir wach sind, reflektieren können. Träume sind von unserem Gehirn erzeugte Scheinrealitäten, die determiniert wie ein Film ablaufen. Wir haben im Traum keinen Einfluß auf den Verlauf der Ereignisse - wir sind ohne freien Willen. Sobald wir im Traum versuchen, eine bewusste Entscheidung zu treffen, wachen wir auf. Wenn wir wach sind, dann brauchen wir uns nicht zwicken zu lassen, um festzustellen, ob wir wach sind. Wir wissen es ab dem Moment, ab dem wir über "freien Willen" verfügen und die Realität bewusst erleben. 

Das Phänomen der Qualia haben wir bereits erörtert und nun sollten wir uns auf der nächsten Seite mit unserem "Ich" beschäftigen.

Fazit:
1. Jeder, der „freien Willen“ mit den Gesetzen der klassischen Physik beschreiben will, muss auch von sich behaupten, dass er genauso viel über freien Willen verfügt, wie ihn eine Waschmaschine auch hat. Oder er behauptet, dass das Rätsel der Qualia mit wissenschaftlicher Methode nicht zu lösen sei, was einer Kapitulation der Naturwissenschaft gleichkäme.

2. Freier Wille ist die Fähigkeit, Möglichkeiten abzuwägen, um dann eine Entscheidung zu treffen. Durch den freien Willen werden aus den Möglichkeiten Fakten geschaffen. Es gibt eine physikalische Theorie, mit welcher man diese Fähigkeit physikalisch beschreiben und das Rätsel der Qualia lösen könnte: Wenn man akzeptieren würde, dass das Selbstbewusstsein doch etwas mit der Quantentheorie zu tun hat.

 

 

 

 


 

 

Publiziert am: Sonntag, 17. Januar 2016 (19034 mal gelesen)
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