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Realität und Wirklichkeit

sind nicht dasselbe!

Seit Jahrtausenden streiten sich Philosophen über die Natur der Wirklichkeit. Materialismus, Dualismus und Idealismus sind nur ein Teil der Begriffe, die die verschiedenen Weltansichten beschreiben. Der größte Teil der Naturwissenschaft ist vom materialistischen Weltbild geprägt. 
Im Materialismus besteht alles aus Materie und Energie – auch unser Ego. Das Gefühl der eigenen Identität, unser „Ich“ und das, was jeden einzelnen zu jemanden macht – sei auch nur ein Produkt materieller Prozesse im Gehirn. Mit dem Sterben des Gehirns stirbt auch das Wesen des Menschen.

Zuerst erzeugt unser Gehirn eine Simulation der Welt, die so perfekt ist, dass wir sie nicht als ein Bild der Welt in unserem eigenen Geist erkennen können. Dann generiert es ein inneres Bild von uns selbst als einer Ganzheit.....Durch die Einbettung des Selbstmodells in das Weltmodell wird ein Zentrum geschaffen. Dieses Zentrum ist das, was wir als unser selbst erleben, das Ego. Es ist das, was Philosophen oft die „Erste-Person-Perspektive“ nennen.

- Prof. Thomas Metzinger im Buch Ego-Tunnel.

 
Dem materialistischen Weltbild nach befindet sich das Ego im Gehirn des Menschen. Hinzu kommt sein Körper und die Welt, die in umgibt. Der Mensch und die Welt, die ihn umgibt, ist das, was wir im Materialismus als Wirklichkeit bezeichnen. Das Universum existiert um uns herum und würde auch ohne uns existieren.
 
Was diese materialistische Weltanschauung nicht berücksichtigt, ist die Rolle des Beobachters. Das Bewusstsein und die Fähigkeit, die Welt wahrzunehmen und zu erleben sind Produkte des Materialismus und können daher zur Beschreibung der Welt vernachlässigt werden. 
Die Vernachlässigung des Beobachters und dessen Bewusstseins ist aber ein gravierender Fehler im materialistischen Weltbild. Die Annahme, dass wir uns innerhalb des Universums befinden, ist nur ein Glaube. Es könnte genauso gut andersrum funktionieren – dass sich das Universum innerhalb unseres Bewusstseins befindet. 
Wenn man den Akt der Beobachtung und das Wahrnehmen der Welt genau betrachtet, kommt man zwangsläufig zur Einsicht, dass Wirklichkeit und Realität nicht dasselbe sind. Das soll nun im folgenden anhand der Wahrnehmung von Farben erläutert werden.
 
 
Wie kommt die Farbe Rot einer Rose zustande?
Mit dieser Frage beschäftigt sich Christian Zippel in seinem Buch „Rosenrot und die Illusion der Wirklichkeit“.
An der Wahrnehmung von Farben lässt sich das Rätsel der Qualia gut veranschaulichen. Unter Qualia verstehen wir das Erleben eines mentalen Zustandes. Wir wissen, dass unser Gehirn ein Abbild der Wirklichkeit erzeugt. Jedoch gibt es ja immer jemanden, der dieses Abbild der Wirklichkeit erlebt. Es ist das, was wir als unser „Ich“, als unser „Selbst oder als unser „Ego“ bezeichnen. Von manchen Wissenschaftlern wird angenommen, dass dieses Erleben der Welt nicht mit Mitteln der modernen Wissenschaft zu erklären sei.
 
 
 
„Wir können uns keinen Begriff vom Geschmack einer Ananas bilden, ohne diese tatsächlich gekostet zu haben“
- David Hume
 
 
So wie wir uns keinen Begriff vom Geschmack einer Ananas bilden können, ohne sie zu kosten, so können wir einem Blinden nicht erklären, was Farben sind. Zwar können wir erklären, dass die Farbe Rot im Wellenlängenbereich zwischen 600 nm und 800 nm liegt. Aber solch eine wissenschaftliche Erklärung genügt einem Blinden nicht, um zu verstehen, was „Rot“ ist.
 
Wie kommen Farben zustande? Wo entsteht das Rot einer Rose? Ein naives Kind würde sagen, die Rose ist rot. Das Rot ist die Eigenschaft der Rose. Diese Sichtweise wird wohl von den meisten Menschen geteilt. Ein Physiker würde sagen, das Rot ist die Eigenschaft des Lichts, das von der Rose reflektiert wird. Farben sind die Frequenz, mit der Photonen schwingen. Ein Neurologe würde sagen, auch das Schwingen der Photonen hat keine Farbe. Die Photonen reizen mit ihrem Zittern die Sehzellen unserer Netzhaut. Diese senden dann über den Sehnerv die Information mittels eines elektrischen Signals an das Gehirn und dort entsteht das „Rot“.
Aber auch das stimmt nicht. Die Geisteswissenschaft stellt fest, dass wir in unserem Gehirn kein Bild einer roten Rose finden werden. Denn auch dort finden wir nur Zellen, die auf eine sehr komplexen Art Verbindungen eingehen und elektrische Signale austauschen. Aber Bilder, Geräusche und Gefühle und alles, was mit dem Erleben der Welt zu tun hat, werden wir dort nicht finden. Das Erleben der Welt kann die Wissenschaft nicht erklären. Genau das ist der Kern des Rätsels der Qualia.
 
Es ist keineswegs so, wie es in Schulbüchern oft dargestellt wird, dass die innere Realität eine 1:1 Kopie der äußeren Wirklichkeit ist. Die Welt „da draußen“ ist farblos. Und so, wie wir Farben erleben, erleben wir auch alle anderen Sinneseindrücke. Es lässt sich genauso sagen, dass die Welt da draußen geräuschlos, geruchlos, geschmacklos und gefühllos ist. So sollte schnell klar werden, dass das, was wir erleben (die Realität) ein Konstrukt innerhalb unseres Geistes ist.
 
Wir stehen niemals im direkten Kontakt zur Wirklichkeit.
Alles, was wir sehen, hören, riechen und fühlen ist eine Repräsentation von Informationen in unserem Gehirn. Es ist nicht die „Wirklichkeit an sich“, die wir erleben. Das Erleben der Welt ist eine ausschließlich innere Angelegenheit.
Unser Gehirn erzeugt die Welt, die wir wahrnehmen. Das einzige, was wir wahrnehmen, ist unsere Wahrnehmung! Das Bild eines Baumes entsteht niemals „da draußen“ sondern immer auf der zweidimensionalen Leinwand in unserem Verstand. Der Beweis für die Existenz eines Baumes ist immer nur das Abbild in unserem Geiste, jedoch niemals der Baum selbst! 
Das Gehirn erzeugt die Welt, die wir erleben. Bestimmte Bereiche im Gehirn sind für das Sehen zuständig, andere Bereiche für das Hören und Fühlen usw. Das wird hier auch gar nicht bezweifelt. Irgendwann wird es sicherlich möglich sein, bestimmte Bereiche im Gehirn direkt zu stimulieren, um z.B. einen bestimmten Geruch, ein Geräusch oder vielleicht sogar ein Bild zu simulieren.
 
Nehmen wir an, die Technologie sei so weit fortgeschritten, dass wir imstande wären, unsere Sinnesorgane durch einen Computer zu ersetzen, der dann elektrischen Signale über die Nervenbahnen an das Gehirn sendet und unserem Ego eine Scheinwelt vorgaukelt - wir würden es nicht merken! Und Thomas Metzinger stellt in seinem Buch „Der Ego-Tunnel“ die Frage, wie wir eigentlich ausschließen wollen, dass dies nicht bereits so ist?! Wie wollen wir denn überhaupt die Existenz einer objektiven, physischen Realität beweisen?
 
Alles, was unser Gehirn für die Erzeugung der inneren Realität benötigt, sind Informationen. Die Existenz einer physischen, äußeren Realität ist dafür nicht erforderlich. Unsere wahrgenommene innere Realität ist eine Repräsentation von Informationen. 
 
Nun ist es mit Repräsentationen so eine Sache: Eine Repräsentation erlebt sich ja nicht selbst, sondern sie präsentiert jemanden etwas. Es erfordert ja immer noch jemanden, der diese Repräsentation erlebt. Dieser „jemand“ ist es, was wir als unser „Ich“ oder „Ego“ bezeichnen. Die Fähigkeit, über unser Erleben der Welt und über unsere eigenen Gedanken nachzudenken, nennt man in der Geisteswissenschaft Selbstreflektion. Das sich selbst reflektierende Bewusstsein ist das, was wir als Selbstbewusstsein oder als unser selbst kennen.
 
Kann es sich die empirische Wissenschaft erlauben, bei der Erforschung der äußeren Wirklichkeit das Bewusstsein zu ignorieren, wenn die Wahrnehmung der einzige Zugang zur Wirklichkeit ist?
 
Realität und Wirklichkeit
Das Erleben der Realität ist eine ausschließlich innere Angelegenheit. Alles, was wir wahrnehmen ist eine Repräsentation von Informationen. Dazu gehört alles, was wir wahrnehmen können – auch unser eigener Körper. Wir sind uns über die Existenz unseres Körpers bewusst, weil auch er eine Repräsentation von Informationen ist. Genau so, wie wir die Welt um uns herum wahrnehmen, nehmen wir auch uns selbst wahr. Das Erleben unseres eigenen Körpers gehört genauso zum Rätsel der Qualia wie das Erleben der Welt um ihn herum. Es ist ein und dasselbe Phänomen!
All das, was wir erleben – einschließlich unseren Körpers, ist das, was wir als Realität bezeichnen können. Die Realität existiert innerhalb unseres Geistes auf der Leinwand in unserem Verstand. Alles, was außerhalb unseres Geistes existiert, nennen wir Wirklichkeit.
 
Realität und Wirklichkeit sind nicht dasselbe. Vielmehr sind sie zwei Seiten einer Medaille. Die Realität wird von der Wirklichkeit durch den Akt der Beobachtung abgeleitet. Wir erzeugen die Welt, indem wir sie betrachten. 
 
Aus der Perspektive der inneren Realität (und das ist die einzige Perspektive, die wir haben!) stellt sich nun die Frage: Ist das materialistische Weltbild eine nach wissenschaftlichem Standard überprüfbare Theorie? Wie wäre die Existenz einer objektiven Realität zu beweisen?
 
Existiert eine Wirklichkeit unabhängig vom individuellen „Ich-Bewusstsein“?
„Die Quantentheorie hat nichts mit dem Bewusstsein zu tun!“ Das ist eine weit verbreitete Meinung unter Physikern. Jedoch behaupten Wissenschaftler auch, dass die Quantentheorie „unverstehbar“ sei und dass das Rätsel der Qualia wissenschaftlich nicht zu lösen sei.
Wie können sich Wissenschaftler zu solch einer Aussage hinreißen lassen (die Quantentheorie habe nichts mit dem Bewusstsein zu tun), wenn die Quantentheorie und das Bewusstsein noch nicht verstanden sind?
 
In der Quantentheorie wird vom Akt der Beobachtung gesprochen. Der Begriff „Beobachtung“ wird von vielen Menschen mit „bewusster Beobachtung“ gleichgesetzt. Hierzu muss man sagen, dass in der Physik „Beobachtung“ und „Messung“ die gleiche Bedeutung haben. Wir können auch mit Messinstrumenten beobachten. Unser eigener Körper ist im Prinzip auch ein Messinstrument.
 
Wichtig ist nur, dass die Messung Information über den Zustand eines Teilchens liefert. Diese Information muss aber nicht im individuellen Bewusstsein des Experimentierenden vorliegen.
Beim Doppelspaltexperiment muss der Experimentierende nicht wissen, durch welchen Spalt das Teilchen geflogen ist. Es reicht aus, dass der Experimentierende zumindest im Prinzip an die Information gelangen kann.
 
Dass die Information nicht im Bewusstsein des Experimentierenden vorliegen muss führt zu der Behauptung, dass die Quantentheorie nichts mit dem Bewusstsein zu tun hat. 
 
Diese Aussage trifft nur solange zu, solange wir die Existenz einer vom Bewusstsein unabhängigen und objektiven Realität annehmen. 
Alles, was wir erleben - die Realität -  ist aber eine Repräsentation von Informationen innerhalb unseres Geistes.
An eine objektive Realität, die unabhängig vom Bewusstsein existiert, können wir allenfalls glauben. Glauben ist aber nicht wissenschaftlich. Die Realität ist eine Repräsentation von Informationen und befindet sich innerhalb unseres Bewusstseins. 
Insofern hat das Bewusstsein mit der Quantentheorie viel mehr zu tun, als es manchen Wissenschaftlern lieb ist.
 
Was ist Wirklichkeit?
Eine weit verbreitete Ansicht ist ja, dass das Universum alles sei, was es gibt. Das Universum würde alles beinhalten, was es gibt. Es gäbe nichts außerhalb des Universums.
„Das Universum ist alles, was es gibt.“ Diese Definition ist zu einfach und wir müssen uns wohl von ihr verabschieden. 
 
Nüchtern und wissenschaftlich betrachtet können wir doch nur das behaupten, was wir auch durch Beobachtung und Messung feststellen können. Somit trifft folgende Definition wohl eher zu: Das Universum ist alles, worüber wir uns im Prinzip Informationen verschaffen können.
Das Universum beinhaltet alles, was wir beobachten und messen können und ist somit per Definition Teil der inneren Realität. Dabei spielt es gar keine Rolle, ob wir mit Messgeräten messen oder unseren Körper als Messgerät benutzen - das ist völlig irrelevant. Das Universum ist ein Abbild der Wirklichkeit in unserem Geiste und nicht „die Wirklichkeit an sich.“ Denn jede Messung beinhaltet ja auch die Aufnahme des Messergebnisses mit unseren Sinnen.
 
Das mag sich sicherlich verrückt anhören. Bereits Platon hatte vor 2000 Jahren die Vorstellung, dass unsere Welt nur ein Abbild einer höherdimensionalen Wirklichkeit sei. Die Idee, dass unsere wahrgenommene Realität nur eine Projektion von Informationen sein könnte, ist aber in den letzten Jahren zu einer ernsthaften, wissenschaftlichen Hypothese geworden und steht nun wieder auf dem Prüfstand.
 
„Ein Ding sei weder A noch Nicht-A, aber doch sei es nicht ein Weder-A noch Nicht-A, noch könne man sagen, es sei sowohl A als Nicht-A“
Erwin Schrödinger zur buddhistischen Weisheitslehre
 
Die hinduistische und buddhistische Lehre zur Wirklichkeit besitzt große Ähnlichkeit zum Hilbertraum und seiner Nichtlokalität.
 
Die Wirklichkeit ist ein abstraktes, raum- und zeitloses, mathematisches Konstrukt. In der Stringtheorie wird dieses Konstrukt „Hilbertraum“ genannt. Es ist der Ort, in dem sich die Wellenfunktion der Quantenmechanik ereignet. Dort ist die Quantentheorie gültig. Es ist nicht der Ort der Fakten sondern der Ort der Möglichkeiten.
Weil es dort keine Fakten gibt, ist es auch sinnlos von einer Zeit zu sprechen. Nur die Existenz eines Faktums erlaubt es, von einem Davor oder Danach zu sprechen. Erst die Beobachtung erzeugt aus den Möglichkeiten ein Faktum. Wir erzeugen die Realität, indem wir sie betrachten – das ist das holographische Prinzip. 
 
Und nun sollte klar sein, warum die delayed choice Experimente gegen das Lokalitätsprinzip verstoßen: Solange wir keine Möglichkeit haben, an die Information über den Zustand eines Teilchens zu gelangen, befindet sich das Teilchen in einer räumlich und zeitlich nichtlokalen Überlagerung der Möglichkeiten. Es ist noch kein Faktum geschaffen. Damit ist das Teilchen nicht Teil der klassischen Physik und nicht Teil der Realität.
 
Zusammenfassung
 
- Wirklichkeit und Realität sind nicht dasselbe.
- Wir stehen nicht im Kontakt mit der Wirklichkeit.
- Das einzige, was wir wahrnehmen, ist unsere Wahrnehmung. Realität ist ein Konstrukt innerhalb unseres Geistes. 
- Realität = Information = Universum
- Wirklichkeit = raum- und zeitlose Quanteninformation = Hilbertraum

 

 

 


 

 

Publiziert am: Donnerstag, 14. Januar 2016 (23595 mal gelesen)
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